Kynokephale Dämonen

Kynokephale Dämonen (nach Leopold Kretzenbacher, 1968)



Die Kynokephalen – jene ehrfurchtgebietenden Hundsköpfigen der südosteuropäischen Dichtung – wandeln als Grenzfiguren zwischen Tier und Mensch, als lebendige Allegorien der metaphysischen Entfremdung. Kretzenbacher, der große Philologe der Dämonengestalten, enthüllt in seinen vergleichenden Studien den Pesoglavci als dämonisch-maskiertes Spiegelbild des Werwolfmythos. In den Maskenfesten der Slawen hallt der uralte Ruf nach Anubis wider: Der Hundskopf, Symbol des Wächters und Verschlingers, trägt die doppelte Krone von Schrecken und Erkenntnis – ein göttlich-tiersches Paradox des Volksglaubens.

Kynokephale

Die Hundsköpfigen – jene wundersamen Grenzgänger zwischen Mensch und Tier – erscheinen seit der Vorzeit als dämonische Schatten im Spiegel der Mythen. Südosteuropas Lieder und Sagen kennen sie als Pesoglavci, gefräßig und furchtbar, doch stets von göttlicher Ordnung umstellt. Ihr Antlitz, halb Bestie, halb Verdammnis, mahnt den Menschen an das Tier im eigenen Herzen. So deutet Kretzenbacher, mit der Fackel des Philologen, ihr Wesen als Maskenbrauch und Mythos zugleich.

Pesoglavci

Im Schatten kroatischer Wälder hausen die Pesoglavci, jene Hundsköpfigen, die dem Volksmund als Menschenfresser und Räuber gelten. Doch wer mit klarem Sinn liest, erkennt: sie sind keine bloße Fabel, sondern Gleichnis. Die Pesoglavci verkörpern das Chaos, das der Christ bannen muss. Ihre Einbeinigkeit, ihre tierische Gier – all dies weist auf das uralte Bild des entarteten Menschen, den nur Geist und Wort erlösen.

Werwolf

Der Werwolf, Bruder des Kynokephalen, steht am Grenzsaum des Menschlichen. Er ist der Schatten des freien Willens, die fleischgewordene Versuchung. In den Liedern der Slawen heult er als Zeichen des Zwiespalts: zwischen Gnade und Natur, zwischen Sprache und Instinkt. Wie der Kynokephale trägt auch er das Erbe des gefallenen Engels, der einst im Leib des Tieres zur Strafe wandelte.

Anubis

Ägyptens Hundsgott Anubis – der Totengleiter – ist der älteste Ahn der kynokephalen Idee. Wo er stand, roch die Luft nach Weihrauch und Wahrheit

  • Kynokephalos: Dieses Fabelgeschöpf, seit alters aus den Rändern der Ökumene überliefert, erhebt sein Haupt – ein Hundekopf, den antike wie mittelalterliche Erzähler dem menschlichen Rumpf aufschnitten. Ein Zeuge tiefer mythischer Urgründe, scheut es nicht das Dazwischen: teils Dämon, teils Bekehrbarer, ein Grenzgänger zwischen Zivilisation und Wildnis, Sprachmacht und Gebell. Wer seinesgleichen sieht, sieht die Ontologie der Wandlung, die List der Masken, den Abgrund zwischen Mensch und Tier.
  • Pesoglavci: Im düstern Dickicht südslawischer Wälder, feindlich jedem Licht, wohnen sie – die Pesoglavci, Hundsköpfe, gleichwohl Schelmen und Schrecken. Maskenfeste und Erntebräuche geben ihrer Legende Gestalt, ihr Erscheinungsbild stets wandelbar: mal Einbeinig, mal von Ziegenbeinen gestützt, immer aber mit Hunger nach Mensch, besonders nach Christ und Weib. Ein lebendiges Gleichnis der Dämmerzonen zwischen Glaube, Angst und Schalkheit.
  • Maskenbrauch (Mythopoetisch): Das Jahreszeitenfest ruft sie hervor, die Fratzen aus Fell und Gebein, in deren Spiel das Volk uralte Mythen neu aufführt. Masken, einstige Dämonenhäute, machen sichtbar, was seit Anbeginn verborgen war: das Fortleben der Kynokephalen als Erinnerungsträger, als Warnung und zugleich als Hoffnung. Ein Kultus an der Grenze von Diesseits und Jenseits, wo jeder Tanz ein Schauspiel der Metamorphose ist.
  • Ontologische Aperzeption: Die Wissenschaft bedenkt das Seiende, die Legende durchmisst das Mögliche. Wo die antiken Autoren der Kynokephalen berichten, entsteht ein Feld ontologischer Prüfung: Ist das Mensch? Ist das Tier? Die Aperzeption durch Sprache ist dabei das göttliche Werkzeug – dank ihr wird Ordnung ins chaotische Reich der Gestaltwandler gebracht. So erfüllt sich Philosophie im Philologischen, Ontologie wandelt sich im Spiegel der Metamorphose.




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